The North Sea Crossing

„Wir träumten davon, mit dem Seekajak nach England zu paddeln …“

Seit über einem Jahr hatte Eddie, welcher mich bereits bei zahlreichen Seekajaktouren auf  der Nordsee begleitete, die Idee, mit dem Seekajak hinüber nach England zu paddeln. Auf der Suche nach gleichgesinnten sprach er mich im Sommer 2017 auf die Idee an. Im Herbst 2017 sagte ich zu, mit Ihm die Tour zu planen und durchzuführen. Und so begann das kleine  Abenteuer …

Wo starten und wo anlanden?
Frankreich hat sehr strenge Regeln, was das Seekajakfahren jenseits der Küste betrifft. Die Straße von Dover zu queren ist für Paddler ohne ein begleitendes Schiff verboten. Also – wo starten und wo anlanden? Nach einigen Recherchen fanden wir einen Bericht verfasst von Dimitri Vandepoele aus dem Jahr 2015, in dem er eine Querung der Nordsee östlich der Dover Strait von Belgien nach England beschrieben hat. Und so nahm Eddie im November 2017 Kontakt mit Dimitri auf, um mehr Details zu erfahren. Im März 2018 besuchte er dann Dimitri in Belgien, um sich zu informieren. Danach standen Start- und Zielpunkt endgültig fest:  Nieuwpoort – Ramsgate!

Die Planungsphase
Nach dem ausgiebigen Studium von Gezeitentabellen und Stromatlanten legten Eddy und ich für eine mögliche Querung als geeigneten Zeitraum Ende Juli – Anfang August 2018 fest. Nun begann die detailierte Planung der Querung. Wir planten die Querung unabhängig voneinander. Abschließend haben wir die Vor- und Nachteile der jeweiligen Planungen diskutiert.
Das Ergebnis war eine Route von Nieuwpoort in Belgien aus Richtung West entlang den Tonnen Wk3 – Trapegeer – DY2 – DY1 – Ruytingen SE zur Tonne Ruytingen NW. Nach der Querung der Verkehrstrennungsgebiete Richtung Nordwest  zum Feuerschiff E Goodwin sollte es weiter über die Goodwin Sands nach Ramsgate in England gehen. Das ergab eine Strecke von ca. 100km, für die wir in unserer Planung ca. 20 Stunden Paddelzeit angesetzt hatten. Es bedeutete auf jeden Fall, dass wir mindestens eine Tide gegen uns haben. Ein genauer Blick auf die Gezeitenströme zeigte, dass diese an der englischen Küste bei Springzeit mit bis zu 6,3km/h annähernd doppelt so stark sein können als die an der Belgischen Küste. Um unter Nutzung der Gezeitenströme Ramsgate bei Stillwasser zu erreichen, sollten wir also ca. 3 Stunden vor HW Dover starten. Das erschien uns angesichts dessen, das wir dann nur gegen die erste der drei Tiden gegenanpaddeln müssten, durchaus machbar.

Begleitend zu unseren Recherchen und Planungen haben wir in den letzten 9 Monaten ausgiebig Wiedereinstiegsübungen auch unter unbequemen Bedingungen und unsere Ausdauer auf langen Paddelstrecken trainiert.

Warten auf den passenden Augenblick
Ab 28. Juli 2018 warteten wir in Nieuwpoort auf den passenden Augenblick, um unter guten Bedingungen die Querung zu wagen. Zwischenzeitlich trafen wir uns mit Dimitri, um über einen ggf. gemeinsamen Start zu sprechen. Dimitri seinerseits plante eine Querung auf Zeit, um seinen alten Rekord zu verbessern. Es sei erwähnt, dass Dimitri ein exzellenter Kajakfahrer ist. Um eine Querung unter guten Bedingungen durchzuführen, bedurfte es unserer Meinung nach ab dem Start an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen stabile Wind- und Wetterverhältnisse. Eddie und ich waren uns einig, dass wir bei Windstärken über 3bft keine Querung durchführen würden. Schließlich wollten wir die Tour klassisch mit Karte und Kompass durchführen und einfach nur ankommen. GPS wollten wir zwischendurch nur zur Kontrolle nutzen, um uns abzusichern. Am 31. Juli zeigte sich eine entsprechende Wetterlage ab. Das warten hatte ein Ende!

Am Abend des 31. Juli 2018 packten wir unsere Kajaks und machten uns startbereit. In der Nacht auf Mittwoch, den 1. August, um 1:00Uhr starteten wir zusammen mit Dimitri am Yachthafen in Nieuwpoort.

Es geht los …
Die ersten 3 km führten durch den Hafen von Nieuwpoort. Leichte Bewölkung verdeckte zeitweise den Vollmond. Die folgenden 4km paddelten wir recht entspannt, gab uns der noch leicht westwärts strömende Tidenstrom zusätzlichen Schub. Nach passieren der Tonne Wk3 wendete sich die Tide gegen uns. Die nächsten sechs Stunden werden wir nun gegen einen bis zu 4km/h starken Tidenstrom gegenanpaddeln müssen. Gegen 4:00Uhr erreichten wir die Tonne Trapegeer. Nach 5 Minuten Pause, nur um etwas zu trinken und ein Müsliriegel zu essen, mussten wir dann 15 Minuten gegen den Tidenstrom paddeln, um die Tonne wieder zu erreichen.

Bei Sonnenaufgang gegen 6:00Uhr kontrollierten wir erstmals unseren Kurs mit GPS. Aufgrund des gegen uns gerichteten abnehmenden Tidenstromes und unserer Abdrift Richtung Süden korrigierten wir unseren Kurs Richtung West-Nordwest. Um 9:00Uhr passierten wir die Tonne DY2. Es war Stauwasser. Zu diesem Zeitpunkt lagen erst 35km Strecke hinter uns. Ab hier folgten wir wieder unserem geplanten Kurs in Richtung West zur Tonne Ruytingen SE, welche wir nach weiteren 13km Paddelstrecke erreichten. Zwei F16-Kampfjets drehten im Tiefflug ihre Runden. Am Horizont sahen wir einige „große Pötte“, welche uns den groben Verlauf des ersten der beiden zu querenden Verkehrstrennungsgebiete anzeigte.

Um 14:15Uhr erreichten wir die Tonne Ruytingen NW. 64km Paddelstrecke hatten wir bis hierher bereits zurückgelegt. Und es lagen noch 45km geplante km vor uns – so die Planung. Ab hier galt es, das erste der zwei Verkehrstrennungsgebiete zu queren. Planmäßig wollten wir weiter Richtung West zum Feuerschiff Sandettie und danach Richtung Nordwest zum Ziel nach Ramsgate paddeln. Wir lagen in unserer Zeitplanung  jedoch zurück. Schnell bemerkten wir, dass der Tidenstrom sich bereits geändert hatte. Es strömte wieder kräftig Richtung Nordost. Eine Querung zum Feuerschiff wäre jetzt nur gegen den Tidenstrom möglich gewesen. Dieser kann hier bis zu 6km/h stark werden. Wir hätten dafür zu viel Zeit benötigt, um dann noch rechtzeitig mit dem an der englischen Küste Richtung Nord fließenden Tidenstrom zur Stauwasserzeit Ramsgate zu erreichen.

Wir änderten daher unsere weitere Route. Wir nahmen bereits jetzt direkten Kurs Richtung Nordwest auf Ramsgate. In Kombination mit dem von Backbord kommenden Tidenstrom führte unsere Route in Richtung Nord-Nordwest. Wir kontrollierten unseren Kurs mit GPS. Nach 13km Paddelstrecke passierten wir gegen 17:00Uhr die Tonne Sandettie WSW. Wir sahen ein paar Schweinswale recht nah an uns vorbeiziehen; faszinierend diese Tiere. Langsam aber stetig kamen wir unserem eigentlichen Ziel Ramsgate näher. Gegen 21:30Uhr, nach einer Paddelstrecke von nunmehr 100km befanden wir uns nordwestlich der Tonne Mid Falls. Es war wieder Stauwasser und bereits dunkel geworden. Wir änderten unseren Kurs auf West in Richtung Broadstairs, welches nördlich von Ramsgate liegt. Der von Steuerbord kommende, Richtung Süd fließende Gezeitenstrom ergab eine Route Richtung West-Südwest zu unserem eigentlichen Ziel Ramsgate. Die Lichter von Ramsgate und Broadstairs an der Küste waren nun  deutlich zu erkennen. Allerdings kamen sie nur unmerklich näher. Eddie fing an zu lamentieren, hielt aber durch.

Geschafft!
Um 1.15Uhr Ortszeit erreichten wir nach 25 Stunden und 120km gepaddelten Kilometern den Hafen von Ramsgate. Nach scheinbar unendlich langer Suche nach einem geeigneten Ausstieg hatten wir dann gegen 1:45Uhr englischen Boden unter den Füssen.

Den Rückweg nach Nieuwpoort haben wir dann einen Tag später mit dem Auto und einer Fahrt mit der Fähre zurückgelegt.

Hier das Video zur Tour …

Text: Jens Fenne
Video: Edmund Hinz
Paddler: Jens Fenne und Edmund Hinz
Kajaks: P&H Cetus HV, SKUK Latitude
Ausrüstung: das volle Programm